Offener Brief an Carsten Hellwig über (s)einen Moral Hazard erster Güte

      Offener Brief an Carsten Hellwig über (s)einen Moral Hazard erster Güte

      Sehr geehrter Herr Hellwig,

      es freut mich, dass Sie sich meiner Kritik an Hrn. Viteritti angeschlossen haben und ihm unfaire Wahltäuschung vorwerfen, mit der er den Bürgern Sand in die Augen zu streuen versucht.

      Mir scheint aber leider, dass Ihre Vorwürfe an Hrn. Viteritti von einer ähnlichen einäugigen Wahltäuschung befallen sind, wie Sie Hrn. Viteritti vorwerfen, denn Sie schließen in die Gebete Ihrer Anklage leider nicht Hrn. Schulte als den Kandidaten Ihrer Partei ein. Genau wie Hr. Viteritti steckt ihr Kandidat Hr. Schulte ebenfalls bis zur Unterlippe in dem Plettenberger Politsumpf. Sowohl Hr. Schulte als auch Hr. Viteritti haben die bisherige Plettenberger Politik geschützt, gestützt und ihr aus der Verwaltung oder Rat ohne öffentlich hörbares Murren und Knurren zugearbeitet. Allerdings entdecken die beiden Kandidaten gerade noch rechtzeitig zum Wahlk(r)ampf ihr psychosomatisches Magengrimmen aus den vergangenen Jahren.

      Nun könnten Sie einwenden, dass Hr. Schulte für den Plettenberger Politsumpf weniger verantwortlich sei als Hr.Viteritti, da er als Kämmerer kein Stimmrecht im Rat hatte und der Kämmerer dem Rat und dem Bürgermeister weisungsgebunden gewesen sei.
      Dieser Einwand von Ihnen wäre nur leider ein weiterer Moral Hazard erster Güte, wenn Sie diesen Einwand bzgl. einer begründeten und beschränkten Verantwortung von Hr. Schulte machen würden.

      Denn, wie die Geschichtsforschung zum ‚Dritten Reich‘ (das bekanntlich ein totaliärer Terrorstaat war) ausweist, passierte selbst damals bei Dienst- und Befehlsverweigerern bei Erschießungskommandos in einer großen Anzahl von Fällen keine existenziell gefährdende Strafe. In einer großen Anzahl der Fälle mussten solche Weigerungen mit ein paar Wochen Wacheschieben abgebüßt werden und führten nicht automatisch zu standrechtlichen Hinrichtungen. M.a.W. selbst im nationalsozialistischen Terrorstaat war Zivilcourage bei un(ge)rechten Befehlen möglich. Dementsprechend wurde die Berufung der damaligen Täter auf ihren angeblichen Befehlsnotstand bei späterer juristischer Verfolgung nicht anerkannt. Und wenn doch, dann lag es daran, dass die Richter ebenfalls alte nationalsozialistische Kameraden waren.

      Da es sich bei der BRD, zu dessen Gebiet die Stadt Plettenberg und ihre politischen und Verwaltungsorgane gehören (zumindest nach offizieller Lesart) um einen Rechtsstaat handelt, hätten zivilcouragierte ’Täter’, Beamte oder Angestellte bei einer Befolgungsverweigerung von dienstlicher Weisungsgebundenheit schlimmstensfalls mit einer minimalen Laufbahnabbremsung zu rechnen. Sie würden noch nicht einmal bei den ‚Stadtsoldaten‘ auf dem Bauhof zur Strafe Wache schieben müssen. Eine solche minimale Laufbahnabremsung wäre aus meiner Sicht gerade für einen Beamten verkraftbar. Zivilcourage hat in der BRD annährend nichts mit Existenzgefährdung oder gar Gefahr an Leib und Leben zu tun. Sondern die Zivilcourage nicht bei jedem politischen Unsinn mitzumachen (zB. bei sinnfreier Plünderung des Stadtsäckels) gehört zum Pflichtkanon einer wehrhaften Demokratie, selbst wenn diese mittlerweile zur neoliberalen, marktgerechten Postdemokratie gewandelt wurde.
      Diese Verpflichtung zur Zivilcourage trifft insbesondere auf Hrn. Schulte und seinen Verantwortungsbereich zu, denn bei seiner Vita mit Wehrdienstzeit bei der Bundeswehr sollte er sich mit den dienstverpflichtenden Grenzen, rechtzeitigen Ausstiegszeitpunkten und Ausstiegsverpflichtungen des Bürgers in Uniform hinreichend auseinandergesetzt haben.

      Damit will ich verdeutlichen, wenn Hr. Schulte, Hr. Viteritti, Hr. Hinz oder Hr. Kunz schon vorher psychosomatische Leibschmerzen bei (Haushalts-) Entscheidungen und dem Entscheidungsstil der Plettenberger Politik gehabt haben wollen, hätten sie eben damals schon zivilcouragiert an den anderen Verantwortlichen vorbei an die Öffentlichkeit und die Presse gehen müssen.

      Aber weder Hr. Schulte noch Hr. Viteritti haben an irgendeiner Stelle bei irgendeiner Entscheidung (für die Öffentlichkeit transparent) gesagt: „Hallo Kollegen, Mitarbeiter, Vorgesetzte oder gewählte Ratsmitglieder Stopp, es reicht, das geht nicht mehr. Hier mache ich/wir aus den und den (Gewissens-)Gründen nicht mehr mit. Wenn ihr das oder das nicht ändert oder einstellt oder eine andere Richtung einschlagt, sehe ich mich aus Gewissensgründen gezwungen, damit an die Öffentlichkeit und an die Presse zu gehen. Meine Gewissensentscheidung ist für mich ein höherer Wert als meine Weisungsgebundenheit gegenüber euren Wahnsinnsentscheidungen, die meinen Verantwortungsbereich plündern und trockenlegen.“

      Und selbst heute könnten beide Herren noch im Nachhinein tätige Reue üben und öffentlich eingestehen und bekennen, wobei sie mitgemacht haben und welche Entscheidungen sie nach ihrer Wahl geraderücken und rückgängig machen werden. Haben Sie davon etwas gehört Hr. Hellwig? Ich habe davon bisher nichts gehört, kein Sterbenswörtchen.
      Wer sich hinterher auf seinen vorherigen ‚Magendurchbruch‘ wegen seines Duldungsschweigen berufen will, ist eben nicht mehr vertrauenswürdig, sondern macht sich selbst zum unglaubwürdigen Akrobaten politischer Opportunitäten.

      Und aus genau diesem Grunde ist keine der heutigen Wahlaussagen der beiden Kandidaten noch glaubwürdig. Denn beide Kandidaten haben stets mit dem Mainstream der Plettenberger Politik gehandelt und entschieden und dabei still, leise, geräuschlos und stromlinienförmig (wahrscheinlich unter furchtbaren Leibschmerzen) mitgemacht. Und jetzt wollen sie uns ihren Politikwandel verkaufen und sich als die Keimzellen verwaltungsinterner Warnungrufe und des rathausinternen Widerstandes andienen? Wie lächerlich und (un-)glaubwürdig ist das denn?

      Und Sie, lieber Herr Hellwig, outen sich damit auch als ein unglaubwürdiger politischer Wahlkampfakrobat, weil Sie Hr. Viteritti anklagen und Ihren Kandidaten Hr. Schulte vornehm vergessen und ungeschoren davon kommen lassen wollen.
      Sie mandeln sich öffentlich dazu auf und suchen dabei auch noch Komplizienschaft in der Bürgerschaft für ihr durchschaubares Politspielchen:
      My good guy Schulte und your bad guy Viteritti. Allein dieser öffentliche Aufruf von Ihnen zeigt, dass sich in der Plettenberger Politik nichts, aber gar nichts verändert hat, sondern alles auf die gehabte Hacke weiterlaufen soll.


      In freudiger Erwartung Ihrer geschätzen Antwort.


      Prof. Dr. Peter-W. Gester, Dipl.-Psych.
      Von der BRD staatlich anerkannter Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen

      Am 6. 9.2015 hat Hr. Hellwig mir (in einem Satz ) dankend geantwortet und mir ohne inhaltliche Begründung mitgeteilt, dass er meine Position selbstverständlich nicht teilen könne.

      Meine Antwort vom 7. 9. 2015 an Herrn Hellwig:
      Sehr geehrter Herr Hellwig,

      ebenfalls vielen Dank für Ihre Mail, die ich, wie viele „Antworten“ aus der Plettenberger Politik inhaltlich etwas dürftig finde.

      Gleichwohl, genau das, was Sie mir schreiben, ist die allgemeine Krux der repräsentativen Minderheit (der Plettenberger Politik). Sie kann (un-)verständlichlicherweise die Meinungen der repräsentativen Mehrheit der Bürger nicht nachvollziehen, von teilen oder gar übernehmen und dann in bürgernahe Politik umwandeln ganz zu schweigen.

      In dieser Hinsicht teile ich die Einschätzung von Hrn. Viterittis Antwort an Sie, es handelt sich um Wahlk(r)ampf-Theater, was leider auch auf die Rechtfertigungen von Hrn. Viteritti zutrifft.

      Kurzum alles Hinweise, dass es in der Plettenberger Politik weitergehen wird wie gehabt.

      Beste Grüße

      PWG